• Christine Sauer

Hiobsbotschaften leicht gemacht

Aktualisiert: Jan 23

Mein heutiger Blogbeitrag befasst sich mit einem mir sehr wichtigen Thema und richtet sich an alle Ärzte, an alle Heilpraktiker und an alle, die die leidvolle Aufgabe haben, hin und wieder schlechte Nachrichten überbringen zu müssen.


Es war der Geburtstag einer meiner besten Freunde, der 28. September 2010, während in der Mittagspause mein Handy klingelte. Meine damalige Frauenärztin meldete sich. Sie klang sehr ernst, und ich versuchte Ihrer Stimme zu folgen. „Frau Sauer, Sie haben einen PAP V-Abstrich.“ „PAP V?“ Ich verstand nicht. „Das bedeutet Krebs.“ – Boom ins Gesicht. Eben wollte ich noch mit meinen Frankfurter Kollegen zum Sushi-Laden im Westend und jetzt soll ich vielleicht sterben?


Die falsche Übermittlung


Lange habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wie diese Ärztin es hätte anders machen können, und ob es überhaupt eine gute Situation gab, in der man Patienten so eine Nachricht überbringen kann. Fest steht, ein Telefonanruf an einem Donnerstagmittag ist nicht die beste Gelegenheit zur Überbringung von Hiobsbotschaften. Diese Ärztin wusste nicht, wo ich mich gerade aufhielt. Ich hätte theoretisch auch hinter dem Lenkrad meines Autos sitzen können. Am Telefon hört man nur die Stimme der Person und sieht keine Mimik. Wenn man jemanden nicht gut kennt, kann man den psychischen Zustand der Person am anderen Ende der Leitung nicht deuten. Es schien allerdings, als hätte sie mein Befinden auch gar nicht weiter interessiert, sie wollte vielmehr ihrer Pflicht nachkommen: der Informationsweitergabe. Das schlimmste an dieser Situation war allerdings nicht, dass sie mir in einer unangebrachten Situation mitteilte, dass ich um mein Leben fürchten müsse, sondern dass direkt nach dem Telefonat der Anrufbeantworter in ihrer Praxis ansprang. Meine Ärztin hatte eine 50% Stelle und war ab Donnerstagmittag im Wochenende verschwunden und ich mit meinem Problem alleine. Solche ähnlichen Situationen erlebte ich die darauffolgenden Jahre immer wieder. Eine Geschichte gruseliger als die nächste.


Killerworte


Es ist bekannt, dass Ärzte in ihrer unglaublich schwierigen und langen Ausbildungszeit leider nicht in Psychologie geschult werden, obwohl dies dringend notwendig wäre. Die Kunst der achtsamen Kommunikation liegt uns entweder im Blut oder wir müssen sie lernen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage: „Da müssen Sie warten.“ Oder positiv formuliere: „Bitte gedulden Sie sich etwas.“ Auf der Seite Starting up, habe ich einen Artikel über positive Formulierungen im Umgang mit Kunden gelesen. Da ist die Rede von „Killerworten“ und, dass verbale Unsitten „tödlich“ sein können. Die Formulierung ist natürlich in diesem Beispiel überspitzt gewählt, aber schauen wir uns den Kommunikationseinfluss bei der Übermittlung von gesundheitlichen Defiziten an. Welche Gefühle löst eine schlechte Nachricht in einem Patienten aus? Ohne Zweifel Angst! Durch einen unachtsamen Übermittlungsweg, werden dieser Angst noch Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit hinzugefügt. Zwei Komponenten, die einen ganz hervorragenden Cocktail zustande bringen: Darf ich ihnen präsentieren? „Supergau“, der Cocktail für ein sicheres Ableben. Mit diesem Gefühl will kein Patient aus einem Gespräch gehen. Es passiert aber nur allzu oft. Haben Patienten in ihrem Leben keine gefestigten Beziehungen, keine Menschen um sie herum, die sie wieder auffangen, ihnen gut zureden, sie ablenken und die Fakten mit ihnen gemeinsam positiv formulieren, sodass sie wieder zu seelischen Kräften kommen, dann sieht es schlecht aus mit ihrer Genesung.


Der Nocebo-Effekt


Zur Wirkung von negativen Erwartungen, gab es 1983 eine Studie, bei der Probanden freiwillig ein Chemotherapeutikum einnahmen, um den Effekt zu testen. Allen Teilnehmern fielen die Haare aus, was zu erwarten war. Das Verblüffende: auch bei den Probanden, die nur ein Placebo gespritzt bekamen. Diesen Effekt nennt man Nocebo-Effekt. Worte eines Arztes können dem Patienten also nicht nur helfen, sondern auch schaden.


Wie die Selbstheilungskräfte entstehen


Allgemeinmediziner bekommen von der Kasse im Schnitt etwa 5 Minuten Zeit pro Patient bezahlt. Umso wichtiger, dass sie sich darin schulen, wie man auch in kürzester Zeit jemanden gesundheitlich berät, ohne Angst und Schrecken zu verbreiten.

Die Leistungen der Heilpraktiker hingegen werden erst gar nicht, oder nur zum Teil von der Kasse übernommen werden. Der Patient ist also über Dauer und Kosten der Erstbehandlung informiert und einverstanden. Somit haben Heilpraktiker genügend Zeit für eine sehr ausführliche Anamnese und hören aufmerksam zu. So können sie auf ganzer Linie altruistisch agieren.

Das Wort Altruismus bezeichnet die Gabe im Sinne eines anderen zu denken und zu handeln, und ist die Grundlage der menschlichen Moral. Empathie empfinden zu können, ist somit ein wesentlicher Bestandteil von emotionaler Intelligenz und stellt eine Erweiterung der Vorstellung von klassischer Intelligenz da. Neurochemisch betrachtet haben solche sozialen Interaktionen mit der Ausschüttung des Hormons Oxytocin zu tun, das auch bei einer stillenden Mutter oder zwischen Sexualpartnern ausgeschüttet wird und eine emotionale Bindung schafft. Vereinfachend kann man sagen, je höher der Oxytocinspiegel eines Menschen, desto mehr Vertrauen empfindet er. Und Vertrauen ist unglaublich wichtig im Zusammenhang mit unserer Genesung, denn es stößt die Selbstheilungskräfte an!


Ein paar Kommunikationsregeln


Folgende Grundregeln habe ich euch zusammengefasst. Diese gelten für Ärzte, Heilpraktiker, aber auch für angehörige Freunde und Familienmitglieder:


1. Keine Konjunktive verwenden. Sie können Verunsicherung auslösen.


2. Positiv formulieren! Keine Worte wie: „Ohje!“, „schlimm“, „Schmerz“ usw.


3. Klar und verständlich: Wenige Fachbegriffe, kurze, konkrete Sätze.


4. Die Stimme nicht erheben, sondern beruhigend einsetzen.


5. Keine Ichbezogenheit, es geht um den Patienten. Aus „Ich zeige ihnen mal...“ lieber „Sehen Sie hier...“ machen.


6. Gegenwart, statt Zukunftsvisionen: Aus „Wir werden uns melden.“ wird „Wir melden uns.“


7. Negatives, durch Positives relativieren.


Gerade der letzte Punkt kann sehr viel Verunsicherung auslösen. Hat der Patient beispielsweise schlechte Blutwerte, aber dafür ein unauffälliges CT, dann sollte das unauffällige CT als Hoffnungsträger dienen. Man sagt zu einem gestürzten Kind ja auch nicht: „OMG! Dein Knie blutet fürchterlich. Vielleicht bekommst du eine Sepsis!“

 

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