• Christine Sauer

Wie Tiere die Krankenkassen überzeugen könnten

Aktualisiert: 20. Dez 2019

An schönen Tagen, egal zu welcher Jahreszeit, treffe ich mich manchmal mit meinem Vater zum Wandern im Spessart. Während wir einem verwunschenen Pfad, namens Schneewittchenweg folgen, erzählt mir mein Vater von früher, als an diesem Ort noch Eisen, Kupfer, Blei und Silber abgebaut wurden.

Meine männlichen Vorfahren arbeiteten alle im Bergwerk. Jeden Tag krochen sie hinunter in die Dunkelheit, schwangen die Spitzhacke und zogen schwere Loren, beladen mit Steinen ans Tageslicht. Die Arbeit war sehr hart und trotzdem hatten sie nicht viel Besitztümer, denn die Bezahlung war schlecht. Aber sie hatten den Wald und der gab einiges her. Von Wildfleisch bis wilde Pflanzen, konnten sie sich mal legal, mal illegal bedienen. Einer meiner Ahnen, ich glaube es war mein Ur-ur-Großvater, lebte sogar im Wald. An der Auenlandschaft, wo seine Hütte stand, rasten wir meist bei unseren Spaziergängen und genießen die absolute Ruhe.


Vielleicht sind es die Geschichten meiner Vorfahren, die mich dazu bewogen haben, mich mit meiner Heilpraktikerausbildung wieder zurück zum Ursprung, und auf die Natur zu besinnen. Und so nutze ich neuerdings unsere Wanderung, um Pflanzen zu bestimmen.

Das fiel mir bei dieser wundervollen Blume nicht schwer, denn ihr Äußeres ist unglaublich imposant. Es ist die Digitalis, auch roter Fingerhut genannt. Sie blüht im Hochsommer und wird in der Schulmedizin in Form von pharmazeutischen Präparaten gegen Herzleiden eingesetzt. Dazu wird die Pflanze einem „Reinheitsprogramm“ unterzogen, bei dem der Wirkstoff isoliert und synthetisiert wird. Als ganze Pflanze würde diese Schönheit töten, denn sie enthält einen hohen Anteil an Alkaloiden.

Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist." (Paracelsus)

Wenn wir in der Naturheilkunde von Phytotherapie oder Pflanzenheilkunde sprechen, dann beziehen wir uns auf Pflanzen oder Pflanzengemische, die entweder in sehr geringen Dosen (z. B. Efeu) oder auch in höheren Dosen (z. B. Ringelblume oder Brunnenkresse) ungefährlich sind. Pflanzen enthalten eine Vielfalt von sekundären Stoffen, die sich gegenseitig verstärken, ausbremsen oder auch stoppen können. Somit entfalten sie ihre Wirkung langsamer als isolierte Präparate. Ein Argument der Kassen, eher Acetylsalicylsäure (Aspirin) im Gegensatz zu salicylsäurereichen Pflanzen (z. B. Mädesüß) zu fördern.


Erstattung von pflanzlichen Präparaten


Im Zuge der Gesundheitsreform von 2004 wurden nicht verschreibungspflichtige Medikamente von der Erstattungsfähigkeit durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen. Nicht verschreibungspflichtig bedeutet nebenwirkungsärmer, was auf die gute Verträglichkeit der Pflanzenpräparate zurückzuführen ist. Für ein Zulassungsverfahren der Kassen zählt nur der Wirksamkeitsnachweis für pharmakologisch interpretierbare Effekte. Diese Studien sind aber im Hinblick auf die Wirksamkeit der Pflanzen finanziell kaum machbar, denn man müsste sowohl die einzelnen Stoffe, als auch die Wirkung der Stoffe in Kombination betrachten. Niemand weiß also bisher wieso manche Pflanzen im Ganzen besser wirken als in isolierter Form (z. B. Artemisinin aus dem einjährigen Beifuß gegen Malaria). Das ist ein bisschen schade, denn mehr als 80% der Deutschen sind daran interessiert eher pflanzliche Präparate als chemische Medikamente einzunehmen. Zu diesem Ergebnis kam, laut dem GEO Magazin, eine Studie aus dem Jahr 2007.


Ohne Studien bzgl. der Wirksamkeit von Pflanzen, kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Das Problem der Scharlatanerie, die dem Ruf der Pflanzenheilkunde schadet. Ich beziehe mich hier auf ein bestimmtes Präparat das fälschlicherweise als Vitamin bezeichnet wird, aber keines ist. „Vitamin B17“ wird aus Aprikosenkernen gewonnen und soll angeblich gegen Krebs helfen. Amygdalin, wie der Stoff eigentlich heißt, ist auch in Apfelkernen enthalten und alles andere als gesund, denn er ist am Zelltod beteiligt. An alle die jetzt in Panik ausbrechen, weil sie das Gehäuse der Äpfel und somit auch deren Kerne mitessen: Ihr müsstet unsagbar viele Kerne verzehren, um euch zu vergiften. Es gibt dazu bisher keine Befunde. Anders sieht das bei den Aprikosenkernen aus, deren Amygdalingehalt deutlich höher ist. Diese Toxizität wollen einige fragwürdige"Gesundheitsberater" gegen Krebszellen anwenden. Es gibt jedoch keine erfolgreichen Studien hinsichtlich der Abtötung wuchernder Krebsgeschwüre durch Amygdalin.


Zoopharmakognosie


Neue Hoffnung gibt die Erforschung der Zoopharmakognosie. Zoopharmakognosie bezeichnet eine Verhaltensweise von Tieren zur Selbstmedikation mittels Pflanzen, Böden oder Insekten.

So suchen beispielsweise Elefanten vor der Geburt nach Borretschgewächsen, weil Borretsch neben vielen anderen Wirkungsmechanismen im Säugetierkörper eine wehenverstärkende Wirkung hat. Aber auch Hundehalter kennen dieses Phänomen. Nämlich dann, wenn sich ihr Vierbeiner an Erde oder gar an Exkrementen anderer Tiere vergeht. Dem Hund fehlt dann meist ein Stoff im Körper, der im leckeren Haufen von Nachbars Pferd drinsteckt. Analysen des Tierverhaltens sind bereits im Gange und könnten wichtige Erkenntnisse für uns Menschen liefern. Vielleicht sind die Krankenkassen ja bald erneut davon überzeugt, wie gut wir uns mittels natürlicher Stoffe behelfen können, Pferdeäpfel ausgenommen.

 

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