• Christine Sauer

Wenn die Angst 'hallo' sagt

Aktualisiert: Jan 23

Vor einigen Jahren schrieb ich ein Buch, das ich nie veröffentlichte. Ich konnte mich mit dem Inhalt nicht mehr beschäftigen, denn er wühlte zu viele Emotionen und Ängste auf. Auch heute ist die Angst noch allgegenwärtig, aber ich habe gelernt mit ihr zu leben. Sie ist ein Teil von mir geworden. Manchmal kommt sie, sagt Hallo und ich lasse sie herein. Doch sobald sie mich vereinnahmt, gebiete ich ihr Einhalt. Nur so kann ich mein Leben weiterleben.

Warum lasse ich sie überhaupt herein, werdet ihr euch jetzt fragen. Nun, damit ich mir bewusst machen kann, dass unser Leben endlich ist. Würde ich das nicht tun, wäre ich nicht hier. Ich würde nicht versuchen gesünder zu leben, sondern rauchen, trinken, Zucker im Übermaß essen. Ich würde auch nicht meine Ausbildung zur Heilpraktikerin machen. Ich würde nicht Gitarre lernen, nicht Singen, nicht genug schlafen. Ich würde mein Stresslevel nicht reduzieren und ich würde ganz sicher nicht hier sitzen und schreiben. Ich liebe das Leben, seine Ups and Downs. Ich liebe meine Familie und meine Freunde. Ich liebe meine Katzen und meine Frankfurter Wohnung und ich weiß, irgendwann ist das alles vorbei. Deshalb möchte ich es genießen, solange ich kann und das geht nur mit einem bewussten Leben.

Life moves pretty fast. If you don’t stop and look around once in awhile, you could miss it. (Ferris Bueller’s Day off)

Ich denke, ich werde auf iamsauer.de hin und wieder einige Passagen aus meinem Buch veröffentlichen. Den Anfang macht der Auszug über Bernadette, eine Fernheilerin und mein einziger Kontakt zur Energieberatung. Da ich weiß, dass unter meinen Freunden einige sind, die sich ausführlicher mit dem Thema beschäftigen, möchte ich betonen, dass ich dies nicht bewerte und den Titel des Buches von Sven Gottschling zitieren: Wer heilt, hat recht.


Ein Anruf bei Bernadette


[...] Bernadette war sehr sympathisch. Sie hatte eine wunderschöne Stimme, sehr deutlich und in einer angenehmen Tonlage. Ich stellte mir eine dunkelhaarige hübsche Frau Mitte Vierzig vor. Zur Einführung musste ich erst einmal ein Pentagramm aufmalen. Sie wollte mir erklären, wie sie auf meine Charaktereigenschaften anhand meines Geburtsdatums schließen könne und erzählte mir irgendetwas über fünf aus dreiundzwanzig. >Hmm, ich kenne eigentlich nur sechs aus neunundvierzig. Aber nun gut, mal abwarten.< Sie plapperte eine geschlagene Stunde am Stück und erzählte mir ich sei sehr harmoniebedürftig, könne schlecht Nein sagen und meine Seele wolle mich in die Selbsterfüllung bringen. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr zuhören und hatte Angst, dass sie mich dabei erwischte. Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, fragte sie: „Und welche der drei Orakelkarten gefällt dir am besten und wieso?“ >Shit, jetzt war’s geschehen. Was denn für Orakelkarten? Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie welche gezogen hat.< „Äh, ich glaube die mit der Willensstärke hat mir am besten gefallen.“ „Du meinst, die Orakelkarte des Steinbocks?“ „Ja genau.“ „Das ist ja super. Diese Karte ist tatsächlich deine ganz persönliche Orakelkarte. Sie gibt dir eine Richtung vor, an der du dich orientieren kannst. Sie passt ja auch wirklich in deine momentane Lebenslage.“ >Puh noch mal Glück gehabt. Sie hat nichts von meiner geistigen Abwesenheit bemerkt.<


Bernadette erklärte mir, die Natur habe es dem Steinbock auch nicht gerade leicht gemacht. Er müsse sich in einer kargen, steinigen Gegend zurechtfinden. Aber er habe sich angepasst, gelernt zu klettern und zu springen. Sie las mir die Bedeutung der Karte vor:


„In deinem Leben beginnt eine neue Wachstumsphase. Lasse das Gestern hinter dir, besinne dich auf das Heute und auf das, was ansteht. Konzentration, Ausdauer und Kraft sind jetzt erforderlich. Arbeite beständig daran, auf deinem Lebenspfad zu bleiben. Dein Weg wird dir Erfolg und Aussicht auf etwas Größeres bringen.“


Das klang sehr schön und ich wollte daran glauben. Ich musste mich nach wie vor an jeden Strohhalm klammern. Das war wichtig, egal was dieser Strohhalm für eine Form oder Farbe hatte, er gab mir Sicherheit. Diese Sicherheit konnte durch meine Familie und Freunde genauso wie durch schlaue Sprüche, Sport, Schokolade, Musik oder Party entstehen. Hauptsache es lenkte mich von meiner panischen Angst ab. Ich ging, wie ich es mir vorgenommen hatte seit einiger Zeit tatsächlich den Weg des geringsten Widerstandes. Bernadettes Charakterbeschreibung traf auf mein altes Ich zu. Mein neues Ich konnte sehr wohl nein sagen! Es war überhaupt viel ehrlicher als das Alte. Mein neues Ich und ich hatten eingesehen, dass falsche Rücksichtnahme eine Lüge war. Viel aufrichtiger war es dagegen etwas abzulehnen und damit zu rechnen der andere könnte enttäuscht werden. Zwar hatte ich momentan noch den Krankenbonus, so dass niemand wirklich sauer wurde, aber ich hatte mir fest vorgenommen auch nach meiner Genesung nichts mehr daran zu ändern. Bernadette rief ich dennoch nie wieder an. [...]

 

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